Mortellaro beim Rind (Digitale Dermatitis): Erkennung & Stallhygiene

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Mortellaro – auch bekannt als Digitale Dermatitis oder Erdbeerkrankheit – ist eine der häufigsten und schmerzhaftesten Klauenerkrankungen beim Rind. Sommerhitze, Feuchtigkeitsstau und hoher Infektionsdruck machen besonders die warme Jahreszeit zur kritischen Phase. In diesem Artikel erfährst du, wie du Mortellaro sicher erkennst, welche Stallhygiene-Maßnahmen wirklich helfen und wie die Behandlung aussieht.

Was ist Mortellaro (Digitale Dermatitis)?

Mortellaro wurde erstmals 1974 von den italienischen Tierärzten Cheli und Mortellaro beschrieben – daher der Eigenname. Offiziell heißt die Erkrankung Dermatitis digitalis. Die Umgangsbezeichnung Erdbeerkrankheit leitet sich vom typischen Aussehen aktiver Läsionen ab: rote, granulierende Haut, die frischen Erdbeeren ähnelt.

Die Erkrankung betrifft die Klauenhaut, vor allem im Bereich des Ballens, des Zwischenklauenspalts und des Fesselkopfs. Sie gilt als weltweit verbreitet und verursacht in deutschen Milchviehbetrieben jährlich erhebliche wirtschaftliche Schäden durch Milchleistungsabfall, höhere Tierarztkosten und verfrühte Merzung.

Ursachen: Warum entsteht Mortellaro?

Erreger: Treponema-Bakterien

Digitale Dermatitis wird durch ein Bakterienkonsortium verursacht, bei dem Treponema-Spezies die Hauptrolle spielen:

  • Treponema pedis
  • Treponema phagedenis
  • Treponema medium

Diese spiralförmigen, anaeroben Bakterien dringen in die Haut ein und verursachen die charakteristischen Gewebeveränderungen. Sie gedeihen besonders gut unter feuchten, sauerstoffarmen Bedingungen – also genau dort, wo Kot und Nässe dauerhaft vorhanden sind.

Risikofaktoren im Überblick

Faktor Erklärung
Feuchtigkeit Dauernasser Untergrund weicht das Klauenhorn auf und erleichtert Bakterien das Eindringen
Kotverschmutzung Anaerobe Bedingungen unter Kotkrusten sind ideales Milieu für Treponemen
Hohe Tierdichte Mehr Tiere = mehr Keimübertragung, weniger Trockenphasen
Schlechte Lüftung Feuchtigkeitsstau im Stall begünstigt Keimvermehrung
Neuzugänge Neu eingestallte Tiere können Treponemen einschleppen
Stress und Hochleistung Trächtigkeit, Frühlaktation und Klauenrehe erhöhen die Anfälligkeit

Mortellaro erkennen: Symptome und Staging

Das M-Staging nach Döpfer

Die Klassifikation nach Döpfer et al. hat sich international durchgesetzt und ermöglicht eine standardisierte Bewertung des Läsionsstadiums:

Stadium Beschreibung Klinisches Bild
M0 Keine Läsion Gesunde Haut, kein Befund
M1 Frühstadium Kleine rote Läsion <2 cm, noch wenig schmerzhaft
M2 Aktives Stadium Rote, nässende Läsion >2 cm – typisches „Erdbeer-Bild“, hochgradig schmerzhaft, starke Lahmheit
M3 Heilungsphase Krustenbedeckte, sich erholende Läsion
M4 Chronisches Stadium Verdickte, keratinisierte Läsion, wenig schmerzhaft
M4.1 Reaktivierung Chronische Läsion mit aktiver Entzündungszone – besonders tückisch

Erkennungszeichen in der Praxis

Achte auf folgende Signale:

  • Plötzliche, hochgradige Lahmheit – das Tier entlastet die betroffene Klaue deutlich
  • Starke Schmerzreaktion bei Berührung der Läsion (Kuh zieht reflexartig den Fuß zurück)
  • Rote, nässende, granulierende Läsion am Ballen, Zwischenklauenspalt oder Fesselkopf
  • Typischer Geruch durch anaerobe Bakterien
  • Bei aktiven M2-Läsionen: leichte Blutungsneigung bei Druck
  • In schweren Fällen: Verlust von Klauenhorn

Wo genau schauen? Kontrolliere bei jedem lahmen Tier systematisch: Ballen (plantarer Bereich), Zwischenklauenspalt (Interdigitalraum), Fesselbereich (Übergang Huf–Fesselbein). Viele M1-Läsionen sind nur bei direkter Inspektion erkennbar – sie sehen auf Distanz aus wie eine normale Verschmutzung.

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Stallhygiene: Der wichtigste Hebel gegen Mortellaro

Keine Behandlungsmaßnahme hilft dauerhaft, wenn die Haltungsbedingungen nicht verbessert werden. Konsequente Stallhygiene ist die Basis jeder Mortellaro-Bekämpfungsstrategie.

Laufgangreinigung

  • Schiebereinigung mindestens 4–6x täglich bei Milchviehbetrieben – häufiger bei aktivem Ausbruch
  • Kotansammlungen an Laufflächen, Liegekanten und Übergängen gezielt beseitigen
  • Nach der Reinigung: Trockenmittel einsetzen (ungelöschter Kalk, Kieselsäurepräparate) – senkt die Feuchtigkeit und pH-Wert
  • Einmal pro Woche: gründliche Nassreinigung mit anschließender Abtrockungsphase

Liegeboxenmanagement

  • Trockene Einstreu (Stroh, Sägemehl, Sand, Kalk-Stroh-Mischung) täglich nachfüllen
  • Liegeboxen täglich auf Feuchtigkeitsflecken und Kotansammlungen prüfen
  • Feuchte Box = Warnsignal: Entwässerung, Neigung und Mattenzustand prüfen

Lüftung und Stallklima

  • Ausreichende Querlüftung sicherstellen – Feuchtigkeitsstau fördert Keimvermehrung massiv
  • Kondensation an Wänden und Böden beseitigen (Zeichen für schlechte Luftzirkulation)
  • Im Sommer: Zusatzbelüftung prüfen – Hitze und Schweiß erhöhen die Feuchtigkeitsbelastung erheblich

Besonders wichtig bei Tieren, die auf rutschigen oder schlecht gepflegten Böden stehen – dazu mehr in: Altkuh steht schlecht auf rutschigem Spaltenboden

Klauenbäder: Wann und wie?

Klauenbäder sind ein zentrales Instrument für die Herdenbehandlung und Prophylaxe.

Bewährte Wirkstoffe (nach tierärztlicher Beratung):

  • Kupfersulfat 4–5%: Klassisch, kostengünstig, gut wirksam gegen Treponemen. Hinweis Umwelt/Entsorgung: Kupfersulfat ist gewässergefährdend. Gebrauchte Klauenbadlösung nicht in die Gülle leiten; getrennt sammeln und über zugelassenen Entsorger fachgerecht entsorgen (Vorgaben der Landes-Wasserbehörde beachten). Biozidrechtliche Zulassung je nach Produkt einzeln prüfen.
  • Formalin (Formaldehyd): ⚠️ Formaldehyd ist in der EU als „Kandidat für die Substitution“ (VO (EU) 2020/1763, PT3 Veterinärhygiene) eingestuft. Aus Tierschutz- und Anwendersicherheitsgründen wird in Deutschland von Formalin-Klauenbädern abgeraten — Formaldehyd ist als CMR-Stoff (Kategorie 1B, karzinogen) klassifiziert (CLP-VO / TRGS 522). Zinksulfat gilt als sichere Standardalternative.
  • Peressigsäure-Präparate: Moderne, umweltfreundlichere Alternative

Klauenbad-Protokoll bei aktivem Bestandsproblem:

  1. Fußbad 2x täglich (vor dem Melken) für 4–8 Wochen intensiv
  2. Dann Erhaltungsstrategie: 2–3x pro Woche
  3. Badlösung spätestens nach 200 Tierdurchgängen erneuern
  4. Bad mindestens 15–20 cm tief (Klauenhöhe muss vollständig eintauchen)
  5. Badlänge mindestens 3 m (mehrere Schritte im Bad)

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Neuzugang-Management

  • Neu eingestallte Tiere mindestens 3 Wochen quarantänieren
  • Klauen bei Einstellung auf Mortellaro-Läsionen inspizieren und bei Befund behandeln
  • Kein gemeinsames Klauenbad und kein Zugang zu Herdenläufen bis Status geklärt

Behandlung erkrankter Tiere

⚠️ Wichtiger Hinweis: Dieser Abschnitt dient der allgemeinen Information. Alle Behandlungsmaßnahmen müssen mit dem Hoftierarzt abgestimmt werden. Antibiotika nur nach tierärztlicher Verschreibung. Kein Artikel ersetzt tierärztliche Beratung.

Lokalbehandlung beim Einzeltier

  1. Klaue reinigen – Kot und Schmutz gründlich entfernen
  2. Läsion freilegen – ggf. Schorfe und Krusten vorsichtig entfernen (M3/M4)
  3. Trocknen – feuchte Läsionen schlechter auf Medikamente ansprechen
  4. Lokales Antibiotikum auftragen – z.B. Oxytetracyclin-Spray nach tierärztlicher Anordnung
  5. ⚠️ Wartezeiten beachten: Auch bei lokalen Antibiotika gelten gesetzlich vorgeschriebene Wartezeiten für Milch und Fleisch (VO (EU) 2019/6). Diese werden vom Tierarzt im AuA-Beleg (Anwendungs- und Abgabe-Beleg) schriftlich festgelegt und sind zwingend einzuhalten. Eine Vermarktung von Milch oder Schlachttier vor Ablauf der Wartezeit ist verboten und führt zu Rückstandsfunden.
  6. Verband anlegen – hält Medikament auf der Läsion und schützt vor Wiederverschmutzung
  7. Tier in sauberer, trockener Einzelbucht aufstallen bis Heilung einsetzt

Verbandswechsel: Nach 3–5 Tagen kontrollieren. M2-Läsionen heilen meist nach 1–2 Behandlungen ab. Chronische M4-Formen sind resistenter und brauchen mehrere Behandlungszyklen.

Systemische Antibiotika

Nur bei: hochgradiger systemischer Beteiligung, sehr großen oder tiefliegenden Läsionen, Versagen der Lokalbehandlung. Immer Tierarzt entscheiden lassen – systemische Antibiotika sind kein Routinemittel bei Mortellaro.

Herdenmaßnahmen bei Ausbruch (>10% Lahmheitsprävalenz)

  1. Bestandsdiagnose durch Tierarzt (Lahmheits-Scoring, ggf. Beprobung)
  2. Intensiviertes Klauenbadprogramm (tägliche Anwendung)
  3. Alle M2-Läsionen systematisch innerhalb von 2–3 Wochen behandeln
  4. Kontrolluntersuchung nach 4–6 Wochen
  5. Hygiene-Audit: Reinigungsfrequenz, Lüftung, Einstreu neu bewerten

Klauenpflege: Pflichtprogramm im Mortellaro-Management

Regelmäßige, fachgerechte Klauenpflege ist kein Luxus, sondern Pflichtprogramm. Sie dient der Früherkennung beginnender Läsionen, korrigiert Fehlstellungen, die sekundär Läsionen begünstigen, und entfernt mechanisch Schmutz aus schwer erreichbaren Bereichen.

Empfehlung: Mindestens 2x jährlich zur funktionellen Klauenpflege – auch ohne sichtbare Lahmheit. Bei Beständen mit aktivem Mortellaro-Problem: 3x jährlich.

Den Zusammenhang zwischen Feuchthaltung, matschigen Wegen und Klauengesundheit beleuchten wir ausführlich in: Kuh Klauenprobleme im matschigen Frühjahr

Saisonale Besonderheiten: Mortellaro im Sommer

Sommer ist Hochsaison für Mortellaro-Ausbrüche:

  • Höhere Feuchtigkeitsbelastung durch Schweiß, Wärme und intensiviertem Auslauf
  • Stärkere Mikrobiomaktivität bei Wärme: Treponemen vermehren sich schneller
  • Gülleanstau in schlecht belüfteten Sommerstallungen
  • Erhöhte Tierbewegung erhöht die Übertragungswahrscheinlichkeit

Sommerstrategie:

  • Klauenbadfrequenz erhöhen (auf tägliche Anwendung bei aktivem Problem)
  • Auslaufbefestigung prüfen: keine Pfützenbildung, guter Wasserablauf
  • Hygiene-Monitoring alle 2 Wochen
  • Lahmheits-Scoring monatlich: frühzeitig neue M1-Läsionen erfassen

Wirtschaftliche Bedeutung

Mortellaro ist in europäischen Milchviehbetrieben endemisch verbreitet; internationale Studien zeigen Herden-Prävalenzen von 30–90 % (Holzhauer et al. 2006). Die Schäden entstehen durch:

  • Milchleistungsabfall – lahme Kühe fressen und trinken signifikant weniger
  • Erhöhte Behandlungskosten – Tierarzt, Arzneimittel, Arbeitsaufwand
  • Verfrühte Merzung – besonders bei chronischen M4-Beständen
  • Fruchtbarkeitseinbußen – Lahmheit stört den Brunst- und Besamungserfolg

Eine konsequente Präventionsstrategie – Hygiene, Klauenbäder, regelmäßige Pflege – amortisiert sich in der Regel innerhalb einer Saison.

Häufige Fragen zu Mortellaro

Ist Mortellaro heilbar?

Akute M2-Läsionen sind bei konsequenter lokaler Behandlung gut beherrschbar. Chronische M4-Formen können dauerhaft bestehen bleiben. Eine vollständige Erregerfreiheit im Bestand ist praktisch nicht erreichbar – Ziel ist Unterdrückung auf ein wirtschaftlich vertretbares Maß.

Kann Mortellaro auf andere Tierarten übertragen werden?

Digitale Dermatitis ist auch bei Schafen, Ziegen und Wildwiederkäuern beschrieben. Eine Übertragung zwischen Rindern und Schafen ist möglich. Gemischte Haltung sollte bei aktivem Ausbruch vermieden werden.

Darf ich Antibiotika-Spray selber kaufen?

Nein. Oxytetracyclin und andere verschreibungspflichtige Antibiotika sind nur über den Tierarzt erhältlich und dürfen nur nach tierärztlicher Anweisung eingesetzt werden.

Zusätzlich besteht für Milchviehhalter (Tiere über 8 Monate) seit 2023 eine halbjährliche Antibiotika-Mengenmeldepflicht an die HIT-Datenbank (TAMG § 55 ff.).

Wie lange ist ein Tier nach Behandlung lahmheitsfrei?

Bei konsequenter Behandlung und gutem Hygienemanagement heilt eine M2-Läsion in der Regel innerhalb von 1–3 Wochen ab. Ohne Verbesserung der Haltungsbedingungen sind Rezidive häufig.

Über diesen Artikel: Erstellt von der Redaktion knochenbrecher.de in Zusammenarbeit mit veterinärmedizinischer Fachberatung. Fachlich geprüft: Mai 2026. Alle Quellen im Quellenverzeichnis dokumentiert.

Fazit: Mortellaro bekämpfen erfordert System

Mortellaro ist kein Schicksal. Mit konsequenter Stallhygiene, regelmäßigen Klauenbädern, frühzeitiger Erkennung und professioneller Klauenpflege lässt sich die Erkrankung in den meisten Beständen wirksam kontrollieren. Der entscheidende Fehler ist, einzelne Maßnahmen isoliert einzusetzen – wirksam ist nur das Gesamtpaket.

Weitere wichtige Hintergründe zu Rinderklauengesundheit im Überblick:

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Quellenverzeichnis

  1. Döpfer, D. et al. (1997): Histological and bacteriological findings associated with digital dermatitis in cattle, with special reference to spirochaetes and Campylobacter faecalis. Veterinary Record 140:620–623.
  2. Cheli, R., Mortellaro, C.M. (1974): La Dermatite Digitale del Bovino. Proceedings 8th International Conference on Diseases of Cattle, Milan, 208–213.
  3. Holzhauer, M., Hardenberg, C., Bartels, C.J.M., Frankena, K. (2006): Herd- and Cow-Level Prevalence of Digital Dermatitis in The Netherlands and Associated Risk Factors. Journal of Dairy Science 89(2):580–588.
  4. Hartshorn, R.E., Thomas, E.C., Anklam, K., Lopez-Benavides, M.G., Buchalova, M., Hemling, T.C., Döpfer, D. (2013): Minimum bactericidal concentration of disinfectants evaluated for bovine digital dermatitis-associated Treponema phagedenis-like spirochetes. Journal of Dairy Science 96(5):3034–3038.
  5. Laven, R.A. (2001): Control of digital dermatitis in cattle. In Practice 23(6):336–341.

⚠️ Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine tierärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Verdacht auf Mortellaro oder Lahmheitsproblemen in Ihrer Herde wenden Sie sich bitte an Ihren Hoftierarzt.